5.9 Alte Wunden, aktuelle Probleme? Wie Entwicklungstraumata unser Leben prägen

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00:00:03: Losleben Stories.

00:00:07: Ein Podcast

00:00:08: der Wiener Städtischen.

00:00:11: Willkommen beim Losleben-Stories-Podcast!

00:00:14: Man muss nicht im Krieg gewesen sein oder einen schlimmen Autounfall gehabt haben, um ein Trauma zu haben – auch emotionale Vernachlässigung in der Kindheit hinterlässt ihre Spuren.

00:00:26: Wir sprechen über alte Wunden im Hier und Jetzt mit Psychotherapeut Severin Stefenelli, der aus Wien kommt.

00:00:34: Hallo Severin!

00:00:36: Was versteht man denn unter einem Entwicklungstrauma, also einem Trauma was eben nicht auf ein einzelnes schweres Ereignis zurückzuführen ist sondern zum Beispiel auf Vernachlässigung.

00:00:50: Was versteht man unter Inneres Kind und wie äußern sich solche Traumata im Alltag von erwachsenen Menschen?

00:00:58: Ja, Entwicklungstraumen gehören zu den Typ II-Traumatisierungen und sind durch anhaltende, wiederholt auftretende oder lang andauernde also chronische dramatische Erlebnisse oft im zwischenmenschlichen Beziehungen definiert.

00:01:13: Hinter Entwicklungstraumen stehen oft – oder steht oft eine schwere Vernachlässigung in Form von fehlender Geborgenheit oder Sicherheit physischer oder emotionaler sexueller andauernder Missbrauch Aufwachsen im Kontext vom Krieg- oder auch Flucht aber auch unsichere oder unberechenbare Eltern, oder auch starke und ständige Entwertung oder Ablehnung.

00:01:36: Entwicklungstraumen treten auch häufig in sogenannten Trauma-Folgestörungen auf die sich als Form von schweren Störungen der Emotionsregulation auf der Beziehungsebene in Form von Bindungssteuerungen, aber auch Dissoziationsstörungen oder in der Beziehung zu sich selbst in einem sehr stark negativen Selbstbild zeigen können.

00:01:56: Könntest du ganz kurz konkret sagen, was sowas bedeutet im Alltag einer Person die betroffen ist von so einem Trauma?

00:02:04: Ja also Betroffene können teils Schwierigkeiten haben, zum Beispiel in der Emotionsregulation.

00:02:10: Und das heißt intensive Gefühle von Scham oder Schuld, Hoffnungslosigkeit oder Wut können auftreten, wenn gewisse Situationen Trauma-Inhalte aktivieren.

00:02:21: Es kann aber auch Probleme geben beim Aufbau Erhalt oder der Gestaltung vom Beziehungserfahrungen im Form von einem sehr stark ausgeprägten Misstrauen anderen Menschen gegenüber.

00:02:34: die Tendenz auftreten, sich von solchen sehr intensiven Gefühlserfahrungen oder auch Inhalten abzuspalten.

00:02:40: Da sprechen wir dann von dieser Situation.

00:02:42: das ist ein existenzieller Überlebensmechanismus wenn diese Inhalte oder diese Emotionen zu überfordernd sind.

00:02:49: Das kann

00:02:50: auch teils dazu kommen dass man sich an gewisse Inhalten nicht mehr erinnert oder Gedächtnisverluste hat und wie schon gesagt in einem sehr stark tiefgreifend negativen Selbstbild von Wertlosigkeit und Minderwertigkeit.

00:03:03: Ein Inneres Kind ist hierbei, oder gerade in der Psychotherapie und der Psychologie ein psychologisches Bild.

00:03:11: Oder auch eine metaphorische Darstellung dieser integrierten und abgespeicherten Kindheitserfahrungen.

00:03:17: Keiner von uns ist ohne Kränkung emotionaler Grundbedürfnisse aufgewachsen.

00:03:20: Da hat jeder von uns auch ein Inneres Kind.

00:03:23: Das heißt nicht, dass jeder entwicklungstraumatisiert ist.

00:03:25: Ganz und gar nicht, sondern das auf der Basis dieser emotionalen Kränkungen im zwischenmenschlichen Erleben stark gebunden entstanden sind oder entstehen können die wir bei fehlendem Korrigieren der Fürsorge

00:03:36: d.h.,

00:03:37: wenn sie nicht korrigiert wurden durch Fürsorge, durch Zuwendung, durch Liebe in der Entwicklung als verletztes Inneres Kind abgespeichert sind Bewertungs- und Bewältigungsstrategien im erwachsenen Leben mit uns herum tragen.

00:03:52: Bei Menschen mit Traumen ist es natürlich dementsprechend intensiver ausgeprägt, und führt daher auch zu einem größeren Leidensdruck und einer Beeinträchtigung.

00:04:00: Lass mich ganz kurz das rekapitulieren, ob ich das richtig verstanden habe!

00:04:04: Das bedeutet wenn... Wenn ich beispielsweise jetzt von meinen Eltern in der Kindheit vernachlässigt wurde

00:04:11: dann

00:04:12: gibt es sozusagen eben in mir dieses Innere Kind, wenn ich jetzt erwachsen bin was quasi gespeichert hat dass es vernachlässigt wurde.

00:04:20: und das kann wiederum beispielsweise dazu führen, dass sich mich schwerer tue Beziehungen einzugehen also beispielsweise eine neue Paarbeziehung einzugehen weil ich einfach... Weil dieses innre Kind quasi Angst davor hat, dass wieder sowas passieren kann wie in der Kindheit.

00:04:36: Kann man das so sagen?

00:04:38: sehr gut zusammengefasst.

00:04:39: Und vielleicht um auch ein Gefühl, da können die Zuhörer vielleicht doch kurz mitmachen um ein Gefühl für dieses Innere Kind zu bekommen würde ich dich vielleicht bitten ganz kurz einfach nur die Augen zu schließen und an einen zwischemenschlichen Konflikt in der nahen Vergangenheit zurückzudenken so ein bis zwei Wochen her vielleicht einem Konflikt indem du deine emotionale Reaktion als sehr intensiv unangenehm wahrgenommen hast.

00:05:03: Versuch dich da in diesen Moment hinein zu denken.

00:05:05: Bin

00:05:05: schon da, bin schon da ja.

00:05:06: Bin ich

00:05:07: schon da

00:05:07: Wo bist du gerade?

00:05:08: Wie hast du dich gefühlt?

00:05:09: Also

00:05:09: das war ein Streit... Das war ein Streit den ich hatte mit meiner Partnerin und ich habe mich angegriffen gefühlt und schlecht und bin sogar relativ schnell laut geworden.

00:05:26: Das war sehr unangenehm und ich kann es jetzt auch nachempfinden wie ich mich da gefühlt habe.

00:05:33: Nimm dir noch mal kurz Zeit, dich in diesem Moment wieder zu finden.

00:05:38: Um in diesem Moment zu sein und jetzt fragt ich einmal oder ich frag dich wie alt fühlst du dich gerade?

00:05:46: Ja so vielleicht sechs Jahre alt.

00:05:49: Das ist dein Inneres Kind.

00:05:51: Okay das heißt der Streit um den es ging hat eben das innere Kind sozusagen wachgerufen, weil es ähnliche Situationen gab in meiner Vergangenheit.

00:06:01: Die waren wie die Situation jetzt.

00:06:05: Ja oder wo du was antizipierst in eine ähnlichen Gefahrensituation zu kommen wir als Kind in Form emotionaler Vernachlässigung und der Ärger hilft dir ja dabei für dich einzustehen.

00:06:17: Jetzt müsste man natürlich unterscheiden ist das ein adaptiver hilfreicher Ärger oder eine Überkompensation?

00:06:24: Okay.

00:06:25: Warum brechen denn, wenn man jetzt zu einer Traumafolgestörung entwickelt,

00:06:31: warum brechen denn solche alten Wunden erst auf, wenn man selbst mitten im Leben steht das heißt als Erwachsener wer man viel Stress hat oder wenn man vielleicht sogar eigene Kinder bekommt?

00:06:44: Das liegt an unterschiedlichen Faktoren Weil diese Schutzmechanismen sehr lange oder auch die darunter liegenden Traumatisierung verbergen können.

00:06:56: Wenn jetzt doch der Stress im Alltag von betroffenen Erwachsenen zu groß wird, beispielsweise sinkt auch der Belastungsspielraum die Inhalte der Traumens unterdrücken.

00:07:07: Also diese psychische Pufferkapazität sinkt.

00:07:10: Man hat quasi weniger Energie um Gefühle zu regulieren während man schneller emotional reagiert und hat so auch weniger Abstand zur alten tiefgreifenden Erfahrungen wie einer Traumatisierung oder einem einem verletzten inneren Kindanteil.

00:07:26: Und gerade in engen intensiven Beziehungserleben wie Partnerschaften, wo viel Nähe entsteht werden Bindungserfahrungen aktiviert und wenn die mit schlimmen Bindungserfahren oder dramatischen Erfahrungen assoziiert ist kann das eben diese Trauma-Inhalte aktivieren.

00:07:42: auch oder vor allem bei der Geburt der eigenen Kinder passiert wahnsinnig viel.

00:07:46: Das kannst du den stärksten Auslösern psychische Probleme generell zählen.

00:07:50: so schön diese Erfahrung auch isst.

00:07:52: Man erlebt sein Kind in seinen Bedürfnissen, seiner Hilflosigkeit, seinem Ausgeliefertsein, seiner Überforderung und Bedürftigkeit nach Liebe, Nähe für Sorge- und Schutz.

00:08:02: Man assoziert sich mit dem Kind und auch seine Vergangenheit – was man vielleicht gebraucht hätte, wonach man sich vielleicht nach wie vor sehnt und wie die Vergangenhalt wehgetan hat oder wie beängstigend sie sein kann, vor allem wenn eine Traumatisierung dahinter steckt.

00:08:16: Die Kinder sind quasi wie ein Reminder!

00:08:20: In der Schematherapie sagt man wenn das eigene Kind einen sehr stark emotional aktiviert, dann ist das eigene Innere Kind die Reaktion drauf.

00:08:31: Okay!

00:08:32: Wenn es einem jetzt wirklich schlecht geht und man sucht nach Traumatherapie... Das ist gar nicht so einfach denn Traumatherapie ist tatsächlich ja sehr spezialisiert.

00:08:43: da braucht man als Therapeuten nochmal Spezialkenntnisse, die sich abheben von dem was man in vielen Ausbildungen lernt.

00:08:51: Worauf sollte man denn als Patient oder Patientin achten bei der Therapeutin in Suche, damit die Behandlung auch wirklich hilfreich ist?

00:09:00: Ja.

00:09:02: Das sind zwei Faktoren ganz essenziell.

00:09:03: Das eine ist die fachliche Kompetenz, die du angesprochen hast.

00:09:06: Die andere ist die Beziehungsebene – die Therapieallianz.

00:09:10: Weil wir wissen dass das Wohl- und Sicherfühlen im therapeutischen Raum oder mit der Therapeutin einer der höchsten Wirkfaktoren in der Psychotherapie überhaupt ist.

00:09:21: Fachlich gibt es gewisse Faktoren, die man bei der Suche beachten kann in Form von Nicht jeder Therapeut ist wieder richtig gesagt hat auch Traumotherapeutin oder arbeitet mit Traumatisierungen.

00:09:32: Das heißt da ist es wichtig entweder zu schauen dass das eine Traumatherapeutine also eine Psychotherapeutin mit spezieller Zusatzausbildung oder ist es eine Therapeutin die durch Fortbildungen auch Traumaarbeit anbietet?

00:09:44: Das kann zum Beispiel sein Arbeit mit Trauma EMDR, DBT, also dialektisch-behaviourale Therapie bei PTBS.

00:09:53: Bei posttraumatischer Belastungsstörungen oder auch Schematherapie und Trauma.

00:09:58: Generell trau ich mich fast zu sagen, fast jede Verhaltenstherapeutin mit Fortbildung ist gut geschult, mit Traumen zur arbeiten.

00:10:04: Man muss halt wirklich nur schauen, arbeiten die auch mit Traumen?

00:10:07: Weil das natürlich auch eine intensive Arbeit ist nicht nur für die Patientin Klientin sondern natürlich auch für die Therapeuten selbst.

00:10:17: Was ja oft empfohlen wird, auch in der Verhaltenstherapie meines Wissens nach ist das sogenannte Grounding.

00:10:24: Was einem im Alltag helfen soll dabei wenn man von diesen heftigen Gefühlen die aus der Vergangenheit stammen überflutet wird.

00:10:35: Könntest du uns ganz kurz erklären wie es funktioniert und wie man das vielleicht sogar zu Hause nachmachen kann?

00:10:42: Menschen mit Traumatisierungen leiden ja oft an Flashbacks, also stark auftretend Erinnerungen und damit verbundenen ganz intensiven Gefühlen.

00:10:50: Und auch teils mit der Neigung eben zu dissozieren sich in Form einer Schutzreaktion von überwältigenden Erleben abzuspalten.

00:10:58: Grounding bedeutet in solchen Situationen sich bewusst wieder mit dem Hier und Jetzt – also mit dem gegenwärtigen Moment seiner Umgebung, seinen Körperempfindungen wiederzuverbinden, um aus diesem Wiedererleben herauszukommen.

00:11:12: Eine Technik wäre hier beispielsweise die fünf vier drei zwei eins Methode, die wir in einer anderen Folge schon besprochen haben.

00:11:20: Also die fünf Sinnesmodalitäten zu aktivieren.

00:11:23: Fünf Dinge bewusst wahrzunehmen, die man sieht.

00:11:26: Vier Dinge die man fühlt.

00:11:27: Drei Dinge die Man hört.

00:11:28: Zwei Dinge die riecht und eine Sache die man vielleicht schmeckt.

00:11:32: auf der körperlichen Ebene kann es auch helfen, die Füße beispielsweise ganz bewusst fest in den Boden zu drücken um auch diesen Widerstand des Bodens zu spüren und ihm hier und jetzt sich zu verankern.

00:11:44: Sich irgendwo ganz bewusst fällt, festhalten oder die Hände aneinanderreiben.

00:11:49: das kann auch helfen von hundert in dreier Schritten rückwärts zu zählen, sich körperlich zu aktivieren an starken Gerüchen zu riechen teilweise auch ohne sich zu Verletzen beispielsweise mit einem Gummiringel zu schnalzen, um über den Schmerz wieder in die Gegenwart zu kommen.

00:12:08: Auch hier hilft die Atmung – das heißt die Verlangsamung der Ausatmungen von der Zwerchfell- oder Bauchatmung.

00:12:15: Das ist abhängig von der Situation und natürlich auch von der Person.

00:12:19: Manchmal kann es sehr hilfreich sein ruhige Achtsamkeits, atemfokussierte Übungen zu machen, muss diese Aktivierung herauszukommen.

00:12:33: Manchmal kann es auch sinnvoll sein stärkere Reize zu setzen, das muss man individuell am Patienten schauen.

00:12:38: Skills in dieser Form gibt's ganz viele.

00:12:41: Man muss halt schauen welche Skills in Form eines Skills-Koffer – das ist so ein imaginativ oder auch wirklich physischer Koffer an Regulationsmaßnahmen in der Akutfällen.

00:12:52: und abschließend kann man sagen Bewegung und Sport hilft auch sehr gut.

00:12:57: Da kann man beispielsweise das Stiegenhaus einmal rauf und runterlaufen, Kniebeugen machen oder die Hocke halten.

00:13:02: Und wir spüren wie die Oberschenkel brennen oder vielleicht auch schnell laufen wenn das sicher möglich ist

00:13:07: super helfen ihm hier und jetzt!

00:13:09: Kann auch tanzen oder singen.

00:13:11: Ja okay es geht aber immer darum, wenn ich das zusammenfassen darf dass sich aus diesem... Das was mich aus der Vergangenheit überschwemmt eben da rauszukommen und ins Hier und Jetzt hineinzufinden.

00:13:24: Und das geht sehr gut beispielsweise indem ich meine Sinne benutze, in dem ich meinen Körper benutze wie etwa beim Sport.

00:13:33: Gut ganz herzlichen Dank lieber Severin.

00:13:36: wenn dich alte Erfahrungen im heute einholen.

00:13:40: auf los leben stories findest du persönliche Geschichten und Interviews rund um die mentale Gesundheit und den Umgang mit Belastung.

00:13:48: schau gern rein den Link dafür und für die Tools, über die wir hier gesprochen haben, findest du in den Shownotes.

00:13:55: Danke fürs Zuhören, abonnieren nicht vergessen!

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