5.4 Warum höre ich nicht auf zu grübeln? Die Wahrheit über generalisierte Angststörungen
Shownotes
Psychische Belastung Symptome früh erkennen ➜ 10 Warnzeichen von Burnout bis Depression ✓ Tipps vom Psychotherapeuten Severin Stefenelli
Relevante Links zur Episode:
Psychische Belastung & Symptome: 10 Anzeichen im Mental Health Check
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00:00:03: Losleben Stories
00:00:05: – ein Podcast
00:00:08: der Wiener Städtischen.
00:00:11: Herzlich willkommen zum Losleben-Stories-Podcast!
00:00:15: Wir alle machen uns Sorgen, aber bei manchen hört dieses Gedankenkarussell oder Sorgenkarusssell niemals auf.
00:00:22: Heute geht es im Losleben stories Podcast um die Generalisierte Angststörung.
00:00:28: Zu Gast ist Severin Stefenelli Psychotherapeut aus Wien.
00:00:31: Hallo Severin.
00:00:34: Sich ab und zu Sorgen zu machen, ob jetzt um Job oder Familie das ist ja ganz normal.
00:00:39: Das kennt jeder von uns.
00:00:40: Ab welchem Punkt wird dieses Sorgenmachen medizinisch gesehen zur Krankheit die auch mein Leben einschränken kann?
00:00:48: Vorab ist mir ganz wichtig zu sagen dass Angst generell ein ganz gesundes und noch ein wichtiges Gefühl ist.
00:00:54: sie hat nämlich die essenzielle Aufgabe uns zu schützen und auch vor Gefahrensituationen zu warnen.
00:01:00: Gefühle allgemein sind ganz wichtige Informationsträger, zu denen ein gesunder Zugang ein ganz starker psychischer Gesundheits- und Resilienzfaktor ist.
00:01:09: Angst kann aber wie richtig gesagt auch zur Krankheit werden.
00:01:12: Medizinisch gesehen wird sie dann zerstören wenn sie in inadäquaten Situationen auftritt also ohne eine reale Bedrohung Wenn sie zu intensiv oder auch zu lange anhält das heißt über eine beängstigende Situation hinaus zu einem hohen Leidensdruck wird ohne Vermeidungsfalten oder eine Lebens-Einschränkung daraus resultiert.
00:01:31: Bei der generalisierten Angststörung speziell sprechen wir von einer Angst, die nicht auf bestimmte Umgebungsfaktoren beschränkt ist wie beispielsweise eine Phobie sondern mehr frei flottierend ist das heißt sie kann von einem zum anderen alltäglichen Ereignis übergehen und dadurch fast ständig und unkontrollierte Angst auslösen.
00:01:50: Das heißt, wenn ich dich richtig verstehe.
00:01:52: Ich habe quasi um neun Uhr in der Früh habe ich jetzt Sorgen dass sich zu Hause mein Backrohr nicht ausgeschaltet habe.
00:02:00: Fünf Minuten später hab' ich Sorgen dass der Klimawandel zu stark ist.
00:02:04: zwei Minuten später habe ich Sorge dass meine Frau mich nicht mehr liebt und so weiter oder?
00:02:09: Das ist das was du mit frei flottierend meinst.
00:02:11: Ja das ist natürlich abhängig davon welche Voraussetzungen die Betroffene oder der Betroffene mitbringt.
00:02:18: Natürlich gibt es Themenbereiche, wo diese generalisierten Ängste mehr anspringen als bei anderen Ereignissen – das ist ganz abhängig natürlich auch von einer biopsychosozialen Vorgeschichte der Betroffenen.
00:02:32: Solche Ängste beziehen sich oft auf die Gesundheit oder die Sicherheit also von einem selbst und auch Familien und Angehörigen kann aber auch wechselhaft die Arbeit betreffen oder die finanzielle Situation, die Zukunft, beziehungen oder Alltagssituationen generell.
00:02:48: Begleitet wird die generalisierte Angststörung von einer physiologischen, also einer körperlichen Symptomvielfalt wie beispielsweise einer vegetativen Übererregbarkeit in Form von Herzrasen, Schwitzen, Zittern oder auch teils Panik, Agitationszuständen – also Anspannung und innere Unruhe, Atembeschwerden, Beklemmungsgefühle, Schmerz in der Brust, Übelkeit und auch Schwindel.
00:03:10: Und die dadurch ausgelöste Angst, die Kontrolle zu verlieren oder auch zu sterben.
00:03:15: Das kann gehen bis hin zur De-Realisation oder De-Personalisationszuständen also Zuständen, in denen sich die Betroffene selbst oder auch die Umwelt als fremd, unwirklich oder auch abgetrennt erleben können.
00:03:28: Dazu können auch noch Konzentrations- und Denkprobleme auftreten die gemeinsam mit den schon genannten Symptomen natürlich auch den Schlaf beeinflussen können und dadurch eine schnelle Ermüdbarkeit verursachen können.
00:03:39: Betroffene ziehen sich unter diesem Leidensdruck meist zurück oder vermeiden auch angstbesetzte Situationen, die wie schon angesprochen sehr breit gefächert sein können wodurch eine sehr starke Lebenseinschränkung entstehen kann.
00:03:52: Leider sind solche Vermeidungstrategien aufrechterhaltende Faktoren der generalisierten Angststörung also mittel- und langfristig nicht hilfreich sondern eher kontraproduktiv.
00:04:02: Man merkt wahrscheinlich schon, dass es sich um eine behandlungsbedürftige Störung handelt.
00:04:06: Die aber generell gut gerade verhaltenstherapeutisch behandelt werden kann.
00:04:15: Welche Rolle spielen dabei eigentlich so aktuelle Unsicherheiten?
00:04:20: Also ich sag jetzt noch mal grade Irankrieg oder Ukrainekrieg oder was auch immer... oder auch unsere ständige Erreichbarkeit dabei, dass wir eigentlich gar nicht mehr so richtig zur Ruhe kommen?
00:04:36: Ja.
00:04:36: Die Unsicherheiten der Welt aber auch die ständigen Erreichbaren sind beides Faktoren, die zu inneren Unruhe beitragen können und Ängste auslösen aufrechterhalten oder verstärken.
00:04:48: Laut WHO fühlen sich sechs von sieben Menschen – das sind 85 Prozent in ihrer menschlichen Sicherheit bedroht.
00:04:54: Und Hauptsachen werden da genannt eben, wie du schon genannt hast, geopolitische Konflikte.
00:04:59: Kriege aber auch pandemienwirtschaftliche Kriseninflation oder der Klimawandel.
00:05:06: Dass nicht gesund begrenzte sich damit auseinandersetzen oder auseinandersetzen können weil man keine andere Möglichkeit hat bietet gerade bei Menschen die eine ängstliche Veranlagung haben ein erhöhtes Risiko für ihre psychische Gesundheit.
00:05:21: Das gilt auch für die ständige Erreichbarkeit.
00:05:23: wenn man keinen Raum mehr hat für sich ohne dieser ständigen Alarmbereitschaft auf Nachrichten reagieren zu müssen, kann man unter Unruhe und Stress leiden bzw.
00:05:31: fördert das Unruhe und Stress und kann so auch die Angstneigung verstärken.
00:05:37: Wir sind in unserer heutigen Welt mit immer mehr noch stärkeren Reizen konfrontiert.
00:05:42: daher ist eben ein Bewusstsein für die eigene Selbstversorgung ein ganz essenzieller Resilienzfaktor also ein Schutzfaktor ein innerpsychischer.
00:05:52: Hier braucht es auf der einen Seite ein Bewusstsein für die eigenen Vulnerabilitäten, also die eigenen Verletzlichkeiten und auch eine Kompetenz mich gesund zu regulieren.
00:05:59: Auf der anderen Seite aber auch mich abzugrenzen.
00:06:02: Auch Nein sagen zu dürfen ob das jetzt das Lesen von Nachrichten betrifft oder die Diskussion mit Freundinnen oder Familie über die Unsicherheiten der Welt die ständige Erreichbarkeit in Form sofort zurückschreiben oder abheben zu müssen oder auch alles wissen nichts verpassen zu dürfen. Wir brauchen nämlich, das ist ganz wichtig
00:06:21: auch Zeiten und Räume in denen wir diese Reize zusammen den ganzen emotionalen Gehalt verarbeiten und dementsprechend auch integrieren können um es auch wieder zur Ruhe und in die Entspannung zu kommen.
00:06:32: Das heißt am besten abends nicht mehr Doomscrolling sondern lieber mal gar nichts machen eine Gesellschaftsspiel spielen oder sowas in die Richtung oder auch runterkommen zu können.
00:06:41: ja
00:06:41: genau
00:06:43: Du hast es ja eben selbst schon angesprochen, die körperlichen Symptome beispielsweise Bauchschmerzen oder auch Verspannungen, die nicht mehr weggehen.
00:06:50: Nehmen wir an ich gehe jetzt zu meinem Hausarzt und mache die Gesunden-Untersuchung also den Vorsorgecheck.
00:06:56: wie wichtig ist es da eigentlich auch eine psychische Belastung anzusprechen wenn ich unter einer Leiden?
00:07:03: Das ist insofern relevant weil man so schnell an das richtige Hilfsangebot kommt.
00:07:07: Also therapeutische Hilfe kann schneller und auch effektiver greifen wenn Betroffene sich Zeiten in das adäquate, also das richtige Hilfsangebot begeben.
00:07:18: Ärztinnen können somatische oder auch körperliche Symptome ohne eindeutige organische Ursache nämlich mit den Informationen zu psychischen Belastungsfaktoren richtig interpretieren und dementsprechend wie schon angesprochen schneller weiterverweisen.
00:07:32: Und gerade der Ausschluss von organischem Ursachen ist bei der Behandlung von Angestörungen sehr wichtig.
00:07:37: Denn wenn wir wissen, dass Patientinnen organisch gesund sind, können wir mit Sicherheit sagen.
00:07:41: Dass die Angst und auch damit in Verbindung auftretenden physiologischen Reaktionen – ob das jetzt Herzrasen, Schwitzen, Schwindel oder eine flache Atmung ist -, dass die zwar sehr unangenehm sein können aber absolut ungefährlich sind.
00:07:54: Angst und Panik sind sehr starke Schutzreaktionen auf tatsächlich existenziell bedrohliche Situationen oder wie bei der Angststörung Schutzreaktionen auf Fehlinterpretationen oder Denkfehler.
00:08:06: Es ist also im Grunde nicht die Angst oder die Panik, die das eigentliche Problem bei der Angststörung darstellt.
00:08:12: Man kann sich das metaphorisch eher wie die Feuerwehr vorstellen.
00:08:15: Toll dass wir sie haben wenn das Haus brennt und man in Lebensgefahr ist!
00:08:20: Wenn man aber beim Anzünden einer Kerze denkt... dass das Haus abbrennen könnte und man dadurch in Lebensgefahr sein könnte oder auch andere Mitbewohner gefährden könnte, ohne dass man diese Bewertung gedanklich relativiert oder auch überprüft.
00:08:33: Sondern die Feuerwehr ruft, indem man dem Gedanken ganz viel Bewertungen gibt und sich emotional noch nicht situationsentsprechend reguliert kommt die Feuerwehre mit Blaulicht- und Löschzug dahergerast und versucht ein nicht existierendes Feuer zu löschen.
00:08:47: Das ist sehr stressig, sehr unangenehm und auch sehr laut.
00:08:50: Aber immer noch nur eine Kerze die brennt und nicht das Haus.
00:08:54: Abgesehen davon dass man auch lernen kann beim Umfallen der Kerze und beim Brennen des Teppichs oder des Vorhangs einen Feuerlöscher zu nutzen.
00:09:01: Okay!
00:09:02: Das ist eine ganz gute Überleitung auf meine nächste Frage.
00:09:05: Hast du eine gute Übung?
00:09:08: Oder einen guten Tipp für Menschen bei denen dieses Gedanken- oder Sorgenkarussell abends gar nicht mehr stoppt und die gerne mehr schlafen können?
00:09:16: Ja, also gerade Gedankenkaruselle entstehen oft abends, wenn man sich untertags sehr gut anderswertig beschäftigen oder auch ablenken kann.
00:09:32: Wenn wir dann abends mit uns selbst im Bett allein konfrontiert sind fallen diese Vermeidungsstrategien weg und wir haben viel weniger Möglichkeiten uns durch externe, also anderswertige Reize zu stimulieren.
00:09:44: Hier können Achtsamkeitsübungen und Atemübung oder Gedankenreisen, sanfte Gedankenspiele gut helfen den Fokus eben von diesen belastenden Gedanken wegzulenken.
00:09:54: Wenn Sie uns aber wiederkehren den Schlafzimmer begleiten wäre es sehr sinnvoll sich diese Stressoren oder diese Gedanken die Stress auslösen dafür anzuschauen.
00:10:02: das heißt aber sich untertags mit Ihnen auseinander zu setzen und nicht immer erst wenn man schlafen gehen möchte.
00:10:08: dabei kann die Übung Grübelstuhl sehr gut.
00:10:12: Das ist eine Übung, bei der man sich irgendeinen Stuhl oder einen Sessel nimmt.
00:10:16: In irgendwo in die Wohnung hinstellt, wo er normalerweise nicht steht und nur wenn dieser Stuhlt genau zu einer bestimmten selbst festgelegten Zeit dort steht, ist das der Grübelstuhl.
00:10:26: Man nimmt sich also bewusst und geplant circa fünfzehn bis zwanzig Minuten pro Tag Zeit um aktiv zu grübeln und kann dabei mit Stift und Papier auch alle Gedanken aufschreiben wie sie gerade kommen.
00:10:38: So gibt man den Gedanken nicht nur einen Ort und eine Zeit, wo man sich aktiv mit ihnen beschäftigt sondern auch eine Struktur.
00:10:44: Und das ist ganz wichtig!
00:10:46: Wichtig ist auch nach Ablaufen der Zeit die Übung ganz bewusst wieder zu beenden.
00:10:50: Das heißt wenn man sich sagt ich will jetzt zwanzig Minuten aktiv grübeln dann grübelt man keine dreienzwanzig minuten sondern sagt so stopp.
00:10:56: und jetzt ist das Grübeln für heute beendet und morgen wieder zur festgelegten zeit beschäftigt man sich wieder aktiv damit.
00:11:04: Gut wäre es, diese Übung nicht allzu nah am Schlafengehen zu machen sondern sich eben einen zeitlichen Puffer von zwei bis drei Stunden zu geben bevor man das Licht abdreht.
00:11:14: Genau so desensibilisiert man eben auf der einen Seite dieser Alarmbereitschaft die diese Gedanken auslösen können sofort reagieren zu müssen sie sofort lösen zu müssen und auf der anderen Seite fällt uns dadurch auch leichter diese Gedanken zu verschieben.
00:11:30: wir haben ja eingeplant uns mit ihnen zu beschäftigen nur nicht jetzt, sondern morgen wieder am Grübelstuhl.
00:11:36: Das ist aber was man eigentlich lernen kann oder das ist jetzt nichts, was schon beim ersten Mal funktioniert wahrscheinlich?
00:11:43: Sondern eben im Laufe der Zeit.
00:11:44: da braucht man ein bisschen Übung dafür, oder?
00:11:46: Genau!
00:11:47: Da braucht man eine bisschen Übung um auch diese kognitive Abgrenzung zu diesem Grübeln auch wirklich stark einsetzen zu können.
00:11:55: ja.
00:11:57: Super ganz herzlichen Dank.
00:12:00: Wenn dein Kopf nicht abschaltet auf Losleben Stories gibt's zum Beispiel das Interview: "Wie finanzielle Gesundheit deinen Stresslevel senkt".
00:12:08: Das zeigt ganz gut, wie eng Sorgen und Alltagsthemen zusammenhängen.
00:12:13: Den Link findest du in den Shownotes.
00:12:15: Danke dir Severin danke euch fürs Zuhören.
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