5.10 Trinke ich zu viel? Was Grey Area Drinking wirklich bedeutet

Transkript anzeigen

00:00:03: Hallo

00:00:12: und herzlich willkommen zum Losleben Stories Podcast.

00:00:15: Ein Glas Wein zum Runterkommen, ein Bier gegen den Stress.

00:00:19: Alkohol ist unser gesellschaftliches Schmiermittel aber fünf Prozent der ÖsterreicherInnen sind abhängig weitere zehn Prozent gefährdet abhängigt zu werden.

00:00:30: Wo beginnt das Problem eigentlich?

00:00:32: Wir sprechen heute über das sogenannte Gray Area Drinking mit Severin Steffenelli, dem Psychotherapeuten aus Wien.

00:00:39: Hallo Severin!

00:00:41: Hallo Arndt, danke für die Einladung!

00:00:43: Wir trinken vielleicht nicht schon morgens Vodka aber regelmäßig abends zur Entspannung.

00:00:48: Was ist Grey Area Drinking und wie schadet es unserer Psyche?

00:00:54: Grey Area Drinking ist prinzipiell mal kein medizinischer Begriff, sondern beschreibt mehr den Bereich zwischen einem moderaten Alkohol-Konsum und einem Alkohlabhängigkeitssyndrom.

00:01:05: Also ungelsprachlich könnten wir sagen im Bereich vom normalen Trinken und einer Sucht generell spricht man eher von Gebrauch, Missbrauch und Sucht also Grey Area Drinking daher eher als Missbrauch von Alkohol zu sehen.

00:01:19: Wichtig ist aber trotzdem zu verstehen, dass der Konsum in diesem grauen Bereich schon eine psychische Funktion übernommen hat.

00:01:24: Auch wenn noch nicht die Kriterien einer Suchterkrankung erfüllt sind.

00:01:29: Meist hinter der Emotions- oder Stressregulation.

00:01:31: also er dämpft unangenehme Gefühle ab, die man so nicht durchlebt oder gesund reguliert werden.

00:01:37: Unangenehme Empfindungen und Situationen wie Konflikte oder Bedürfniskränkungen, Stresserleben oder Anspannung können so kurzfristig und relativ schnell umgangen und vermieden werden.

00:01:47: Es kann innere Unruhe und auch Grübeln kurzfristig reduzieren, unter leichter zusätzlich noch den Zugang zu angenehmen Emotionen.

00:01:55: Durch solche wiederholte Lernarfahrungen sich durch den Alkohol besser zu fühlen oder unangenehme Gefühle nicht spüren zu müssen, festigt sich dieses Trinkverhalten und wird in seinem Auftreten aber wahrscheinlicher.

00:02:06: Hier sprechen wir dann in der Verhaltenstherapie gerade von operanter Konditionierung.

00:02:11: Daher kann ein Grey Area Drinking oder der Missbrauch auch ohne Abhängigkeit Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben.

00:02:17: Beispielsweise in Form von eingeschränkten Selbstregulationsfähigkeiten, also die Fähigkeit sich selbst seine Gefühle, seine physisch- und logischen Reaktionen wie Stress, seine Bedürfnisse oder auch die Bedürfenisskränkungen, seine Gedanken zu regulieren.

00:02:31: Alkohol wird hier zum Tool quasi das nicht selbst tun müssen.

00:02:35: Gleichzeitig führt der Konsum zwar kurzfristig zu einer Entlastung und Beruhigung, kann aber mittel- und langfristig das Gegenteil bewirken, nämlich zu einer erhöhten Ängstlichkeit.

00:02:44: Zu Stimmungshankungen, Unruhe, Reizbarkeit oder Verstimmungen führen und das Abdämpfen von emotionalen Erfahrungen für zu einer schlechteren emotionalen Verarbeitung und zu einer geringeren psychischen Integration von dem was man erlebt hat.

00:02:59: Und was natürlich nicht vernachlässigen darf ist es das Risiko schleichenden in eine Alkoholabhängigkeit zu rutschen auch nicht geringes.

00:03:07: durch das steigende Toleranzschwelle, die Funktion des Alkohols fehlende Selbstregulationsstrategien und dysfunktional also nicht hilfreich erlernte Verhaltensweisen wird der Impuls zum exessiverem Konsum nicht unwahrscheinlicher sondern eher größer.

00:03:24: Mich erinnert das, was du jetzt gerade gesagt hast an unsere Folge.

00:03:27: Wo es um Ängste ging beispielsweise um die soziale Phobie wo du erzählt hast dass Vermeidung eben dazu führt dass eigentlich mein Problem nicht wirklich weggeht sondern nur ganz kurzfristig sondern eigentlich immer weiter also eigentlich immer verlängert wird dadurch und auch mal wiederkommen

00:03:45: bleibt.

00:03:45: genau

00:03:46: Genau so ein bisschen könnte man Alkohol eigentlich auch sehen wenn's beispielsweise um Stress oder Ängste geht.

00:03:52: Wenn ich dann Alkohol trinke was du eigentlich gerade gesagt hast, dann kann es sein dass es kurzfristig mir zwar hilft weil es mehr positivere Emotionen gibt das ist eben langfristig aber das Problem eigentlich nur auf die lange Bank schiebt und ich dadurch dass sich so funktional verwende auch noch in eine Abhängigkeit reingerate.

00:04:11: Kann man das so sagen?

00:04:13: Ja, Alkohol gilt auch als Selbststimulation und zählt zu den Vermeidungsstrategien.

00:04:19: Also die Vermeidung ist einer von drei dysfunktional nicht hilfreichen Bewältigungstrategien, das Stimulieren durch unterschiedliches Essen, Alkohol, Sucht, exzessive Sexualverhalten

00:04:32: usw.,

00:04:33: zählt dem als Vermeidenstrategie und so auch der Alkohol.

00:04:37: Sowas wie Suchtprävention klingt erst mal abschreckend für viele von uns.

00:04:42: Möglicherweise insbesondere die Menschen, die eben schon ein Problem entwickelt haben.

00:04:48: Was gibt es denn hier?

00:04:49: Bevor ich jetzt zu meiner Hausärztin oder meinem Hausarzt gehe und sage, hören Sie, ich habe leider ein Problem!

00:04:55: Ich kann nicht aufhören zu trinken.

00:04:58: Da hab' ich möglicherweise Angst davor.

00:04:59: Gibt's anonyme Beratungsangebote oder Programme wo ich die nutzen

00:05:05: kann?".

00:05:06: Also wenn man noch von der Notwendigkeit einer therapeutischen Unterstützung absehen kann, also wirklich ein Grey Area Trinker ist gibt es ja niederschwellige Online-Selbstilfe Programme.

00:05:17: Da gibt's beispielsweise den Alkcoach genauso eingeben Der dabei hilft den Konsum auf der einen Seite zu objektivieren das heißt sichtbar zu machen wie man trinkt Auf der anderen Seite die Funktion des Trinkens zu verstehen und gleichzeitig aber auch konkrete Verhaltensveränderungen geboten bekommt um die Menge, die Häufigkeit oder das Trinkverhalten zu reduzieren.

00:05:41: Dieses Programm dauert ca.

00:05:43: sechs Wochen ist auch wissenschaftlich geprüft vor allem anonym und kostenlos übers Internet zugänglich.

00:05:50: über den Verein Dialog oder auch das Anton Proksch Institute dem AP gibt es anonyme Online-Beratung.

00:05:58: Suchprävention klingt oft abschreckend soll aber nicht daran hindern Hilfe zu suchen und auch anzunehmen, wenn man sich nicht sicher ist ob man allein aus der Sucht kommt oder ein Grey Air Drinker ist.

00:06:09: Oder ob man die Kontrolle verloren hat oder man sie noch hat.

00:06:12: Hier ist eine Psychotherapie auch zu empfehlen.

00:06:15: Also Entzug plus ambulante Therapie kann sehr gut parallel laufen die dabei helfen kann eben die Funktion zu hinterfragen die darunter liegt in der Problematik zu prozessieren und die Selbstregulationsfähigkeit wieder herzustellen.

00:06:29: Wichtig ist nämlich zu verstehen, Alkoholabhängigkeit ist keine Persönlichkeitsschwäche sondern eine Krankheit die man behandeln kann.

00:06:36: Wobei es tatsächlich ja in der Gesellschaft oft noch so als Schwäche gesehen wird.

00:06:41: Wie schaffe ich's denn?

00:06:42: Und hier sind wir bei der auf der persönlichen Ebene weil wir in Österreich eigentlich das Phänomen haben, dass trinken gleichzeitig halt als was sehr wichtiges gesellschaftliches empfunden wird.

00:06:56: Es gibt halt, weiß ich nicht, viele Leute trinken verschiedene Biere, Craft-Biere gibts... es gibt viele Weinkenner und so weiter.

00:07:03: Das heißt Trinken wird einerseits man kann es schon fast sagen etwas glorifiziert und die Menschen, die dann neben ihnen eine Sucht geraten, werden gleichzeitig abgewertet.

00:07:17: Gerade auf Partys ist das ja ein großes Problem.

00:07:19: Wenn ich jetzt weiß, ich habe schon ein Alkoholproblem entwickelt und möchte nicht mehr trinken – ich nehme vielleicht schon einen Therapienanspruch – wie schaffe ich es denn dann gerade in Party-Situationen oder auf großen Events oder sowas wirklich Nein zu sagen wenn es mir angeboten oder sogar aufgedrängt wird?

00:07:41: Ja also ... Alkohol ist ja quasi so ein Kulturgut in Österreich, das schon fast in die Statuten des Staatsösterreichs einzementiert ist.

00:07:53: Da stimme ich dir zu!

00:07:55: Die Frage, die du aber gestellt hast, ist wenig eine Problematik des Alkohol-Konsums sondern mehr eine von sozialer Kompetenz.

00:08:03: Denn Nein sagen zu können egal in welcher Situation – es ist eine ganz essenzielle Fähigkeit in sozialen Beziehungen.

00:08:11: Wie du richtig gesagt hast, kennen wir das alle.

00:08:13: Also Gruppenzwang, peer pressure, wie auch immer man es nennen will.

00:08:16: Das kennen wir alle.

00:08:17: und gerade wenn wir auf Partys oder Gesellschaftsessen sind und wir nichts trinken werden wir oft mit der Frage konfrontiert was ist los mit dir?

00:08:25: Oder geht's dir nicht gut oder so?

00:08:27: also dass Nichttrinken ist schon negativ assoziert.

00:08:30: Aber genau hier setzt die soziale Kompetenz ein eben für sein Bedürfnis einzustehen in dem Fall eben nichts Alkoholisches konsumieren zu wollen Nein sagen zu können Grenzen zu setzen, was aber dann oft vergessen wird ist diese Grenze auch einzufordern.

00:08:48: Viele Menschen scheitern daran, dass sie sagen ich habe die Grenze eh eingefordert.

00:08:52: Wir verstehen das aber, nein Sie haben eine Grenze gesetzt, Sie haben gesagt stopp!

00:08:56: Wenn das Gegenüber nicht darauf reagiert, dann muss man diese Grenzen auch einfordern in welcher Form das dann situationsadequat eben möglich ist.

00:09:04: Aber es sich nur zu formulieren und die Verantwortung an das Gegen überüber zu geben.

00:09:09: Wir wünschen uns, dass die anderen unsere Grenzen respektieren.

00:09:12: Aber es ist leider nicht immer so, da müssen wir sie auch einfordern.

00:09:17: Aus der Frage geht aber auch hervor, dass sich die Gefahr als Außenseiter zu fühlen oder der Gedanke und die Annahme gegeben ist und das Angst auslöst.

00:09:26: Also wenn wir nichts trinken, dass wir eben quasi nicht dazugehören.

00:09:31: Das Problem ist jetzt nur, wenn in solchen Situationen jedes Mal unsere eigenen Bedürfnisse nichts zu trinken... nicht einhalten oder nicht dafür einschienen, uns den Ansprüchen anderer unterwerfen um die Angst auch zu vermeiden sich als Außenseiter zu fühlen.

00:09:46: Wird sowohl der Gedanke wenn ich nichts trinke, fühle mich als Außenseiter also auch die Angstreaktion aufrecht erhalten.

00:09:53: in diesem Fall wäre es wichtig trotz Angst zu erleben nichts Alkoholisches trinken zu müssen und sich trotzdem zugehörig und auch integriert zu fühlen.

00:10:04: Selbstbewusstsein steigt dann mit der Selbstwirksamkeitserwartung, also mit der Erwartungen.

00:10:08: Ich kann nein sagen und der positive Erfahrung ich trinke keinen Alkohol und gehöre trotzdem dazu.

00:10:15: Leider kann es trotzdem zu Situationen kommen dass man negative Erfahrungen macht das heißt dass wir durch das Verneinen des Alkohols Ausschluss erfährt.

00:10:24: Dann muss man sich aber wirklich überlegen ob man auch Teil dieses sozialen Gefüges sein möchte.

00:10:29: Ja okay das heißt kurz zusammengefasst, es kann schon was bringen oder ist eigentlich sinnvoll wenn ich Nein sagen auch in anderen möglicherweise für mich weniger bedrohlichen Situationen lerne.

00:10:44: und schaue, dass das auch angenommen wird.

00:10:46: Und dann kann ich quasi irgendwann auf eine Party gehen und kann auch hier nein sagen und das Nein auch einfordern wie du gesagt hast.

00:10:53: Wenn mir das nicht gelingen sollte wenn beispielsweise eben die anderen Partygäste jetzt zu sehr rumdrängeln oder mir es weiter aufdrängen dann kann ich die Situation auch verlassen und muss sie nicht weiterhin aufsuchen.

00:11:05: So weit alles klar.

00:11:06: vielen Dank!

00:11:07: Wenn du deinen Trinkverhalten hinterfragst, auf Losleben Stories gibt es den Artikel "Kontrolliert trinken: Wie viel Alkohol ist gesund?".

00:11:15: Ein guter Reality-Check für den eigenen Alltag!

00:11:18: Der Link dazu und zu den Tools die wir hier in der Folge besprochen haben findest Du in den Shownotes.

00:11:24: Danke fürs Zuhören.

00:11:25: bleibt achtsam und abonnieren nicht vergessen.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.